Das Liebieghaus und seine Mäzene

Die berühmtesten Museen, ob in Wien, Paris, London, St. Petersburg, Berlin oder München, lassen sich auf ehemalige fürstliche oder kaiserliche Sammlungen zurückführen. Beim Liebieghaus hingegen liegt die Quelle im bürgerlichen Engagement. Ohne dieses wäre seine Entstehung, sein Fortbestand und der Erwerb von Kunstwerken nicht möglich.

Eine Villa zum Vorzugspreis

Das Gründungsdatum der Liebieghaus Skulpturensammlung ist der 11. Oktober 1907: Der Magistrat der Stadt Frankfurt und die Administration des Städelschen Kunstinstituts beschlossen damals die Angliederung einer Städtischen Galerie an das Städel. Dazu gehörte die Skulpturensammlung, in der „hervorragende oder charakteristische Werke“ der „Kulturvölker der historischen Zeiten“ vereint werden sollten, so Gründungsdirektor Georg Swarzenski im ersten, 1909 erschienenen „Kurzen Verzeichnis der Bildwerke in der Skulpturensammlung“. Als Ort der Unterbringung diente, zunächst als Provisorium gedacht, die dem Städel nahe gelegene Villa des böhmischen Textilfabrikanten Heinrich Baron von Liebieg. Sie war der Stadt zu einem Vorzugspreis vermacht worden. Das für die Frankfurter Museen so bedeutsame bürgerliche Engagement für Kunst und Kultur drückte sich also bereits in diesem generösen Angebot aus.

Das Who is who der Frankfurter Gesellschaft

Als die Skulpturensammlung am 14. Oktober 1909 ihre Pforten öffnete, erwarteten die Besucher in 13 Räumen nicht nur 343 Exponate, die die Zeit von der ägyptischen Antike bis zum Rokoko abdeckten. Zu den ausgestellten Werken gehörten zudem zwei Meisterwerke der abendländischen Kunst, die dem Liebieghaus aus Anlass der Eröffnung von Frankfurter Bürgern gestiftet worden waren: die antike griechische Marmorstatue der Athena des Myron sowie ein Altarrelief des Renaissance-Bildhauers Andrea della Robbia. Damit wurden Skulpturen aus Epochen ausgewählt, die in der Kunstgeschichte seinerzeit als Stile besonderer künstlerischer Vollendung galten. Eine Liste der Mäzene, die die Erwerbungen finanzierten, liest sich wie ein Who is who einer Frankfurter Gesellschaft, deren Bedeutung weit über die Grenzen der Stadt hinausging: Jean Andreae-Passavant, Otto Braunfels, Leo Ellinger, Martin Flersheim, Adolf Gans, Leo Gans, Freiherr Max von Goldschmidt-Rothschild, Adolf von Grunelius, Zacharay Hochschild, Ludo Mayer, Wilhelm Merton, Victor Mössinger, Emma von Mumm, Richard von Passavant, Walter vom Rath, Frau Georg Speyer, Frau Theodor Stern, Adolf Varrentrap und Arthur von Weinberg. Damit hatten sich Mitglieder der Administration des Städel und des Städelschen Museums-Vereins, große Kunstsammler und Politiker zu einer mäzenatischen Gruppe zusammengefunden.

Ein Fonds zu Ehren Franz Adickes’

Viele dieser Frankfurter Bürger richteten kurze Zeit später, im Oktober 1912, zu Ehren des gerade verabschiedeten Oberbürgermeisters den Adickes-Fonds ein. Franz Adickes hatte sich für die Gründung der Städtischen Galerie und in besonderem Maße für die Einrichtung einer Skulpturensammlung eingesetzt. Der ihm gewidmete Fonds ermöglichte den Erwerb wichtiger Bildwerke für das Liebieghaus. Auch wenn er nur wenige Jahre bestand, konnten doch so bedeutende Werke wie drei große Relieftafeln aus dem späten 15. Jahrhundert in die Sammlung eingegliedert werden.

Bis 1930 konnten weitere bedeutende Förderer gewonnen werden, wie es einem Verzeichnis der ausgestellten Bildwerke zu entnehmen ist. Zu ihnen zählen die Familien von Bethmann, Herxheimer oder Oppenheim, die Sammler Robert von Hirsch, Harry Fuld oder der Museumsdirektor Georg Swarzenski selbst. Die Sammlung war inzwischen auf ungefähr 1.000 Werke angewachsen; hinzu kamen ungefähr 20 Skulpturen, die entweder noch aus dem Besitz von Städel stammten oder im Lauf des 19. Jahrhunderts erworben werden konnten.

Erweiterung der Gründungskonzeption durch bedeutende Schenkung

Bis heute ist Johann Heinrich Danneckers Skulptur „Ariadne auf dem Panther“ eines der bedeutendsten und beliebtesten Werke des Hauses. Auch sie wurde dem Haus geschenkt – von dem Bankier Simon Moritz von Bethmann. Neben der Adriadne-Gruppe führten der „Alexanderfries“ von Berthel Thorvaldsen sowie der Erwerb eines Denkmals von Thorvaldsen für Johann Philipp Bethmann-Hollweg aus der Familiengruft auf dem Frankfurter Hauptfriedhof dazu, dass die Gründungskonzeption des Liebieghauses erweitert wurde und die neue Abteilung des Klassizismus entstand. Bei einem Brand im Jahr 1943 waren die beiden erstgenannten Werke schwer beschädigt worden und konnten erst in den 1980er-Jahren erfolgreich restauriert werden (die Rettung des Thorvaldsenschen Frieses gelang nur partiell). Bereits im 19. Jahrhundert waren ein Entwurf Thorvaldsens, „Kniende junge Frau mit Kind“, und die „Venus“ von Lorenzo Bartolini in die Sammlung gekommen.

Fortwährende Unterstützung durch Museums-Verein und Förderstiftung

Die Sammlung des Liebieghauses, das längst nicht mehr Provisorium ist, speist sich einerseits aus Ankäufen der Stadt, andererseits aus den Beständen des Städel. Wie vor dem Zweiten Weltkrieg aber wird das Liebieghaus seit 1950 auch von Privatpersonen und Stiftungen großzügig unterstützt. Allen voran ist der Städelsche Museums-Verein zu nennen, der erstmals 1963 und regelmäßig seit den 1970er-Jahren auch das Liebieghaus in die Vereinsaktivitäten einband. Die Erwerbungen des Städelschen Museums-Vereins bleiben zwar im Besitz des Vereins, sind jedoch zur Aufstellung in der Skulpturensammlung bestimmt. Das erste Werk in einer Reihe bedeutender Erwerbungen war das antike Porträt des Marc Aurel. Der letzte kapitale Ankauf betraf im Jahr 2012 die Bronzebüste von Jean-Antoine Houdon, die Jean-Jacques Rousseau darstellt. Da sich kurz zuvor eine Houdon zugeschriebene Frauenbüste des Museums leider als Fälschung erwiesen hatte, war diese Erwerbung für das Liebieghaus von großer Bedeutung. An ihrer Finanzierung waren weitere Stiftungen beteiligt: die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens-Kunststiftung, die Marguerite von Grunelius-Stiftung und die Ernst Max von Grunelius-Stiftung. Ähnlich erwirbt die Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung Kunstwerke zur Aufstellung in den betreffenden Museen, behält aber das Eigentumsrecht. Eine weitere Stiftung, die sich der Unterstützung unseres Museums verschrieben hat, ist die Förderstiftung Liebieghaus. Im Jahr 2000 von Privatseite gegründet, führt sie das bürgerliche Engagement weiter, das von Beginn an Städel und Liebieghaus gekennzeichnet hat. Sie unterstützt die Arbeit in der Restaurierungsabteilung und finanziert Ankäufe, zu denen zuletzt eine portugiesische Kreuzigungsgruppe und ein antiker Kopf einer Priesterin zählten.

Autor:

Dr. Maraike Bückling

Leiterin der Abteilung Renaissance bis Klassizismus

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