Der Zufall hilft
zum zweiten Mal

Die Mittelalterabteilung der Liebieghaus Skulpturensammlung erhält einen weiteren Neuzugang: Eine Trauernde Maria. Abteilungsleiter Dr. Stefan Roller gibt Einblicke in seine wissenschaftliche Detektivarbeit.

Im Dezember 2017 konnten wir einen weiteren wichtigen Ankauf für die Mittelaltersammlung tätigen. Dieser war zwar weniger spektakulär als die kurz zuvor erfolgte Neuerwerbung des Christuskindes, aber von kaum geringerer Bedeutung. Im Herbst hatte ich auf Anregung eines Aachener Kollegen erstmals einen Blick auf die Homepage eines Kölner Kunsthändlers geworfen. Künstlerische Qualität und Erhaltungszustände der angebotenen mittelalterlichen Skulpturen waren allerdings wenig befriedigend. Ich klickte mich relativ lustlos durch die Abbildungen, bis mein Interesse von einer angeblich in Schwaben entstandenen und als „Trauernde Maria Magdalena“ bezeichneten Holzfigur geweckt wurde.

Eine Vorliebe für Ulm und Nürnberg

Man pflegt ja als Wissenschaftler neben einem allgemeinen Fachinteresse so seine persönlichen Steckenpferde. Für mich sind das unter anderem die schwäbisch-ulmische und die Nürnberger Bildhauerkunst der Spätgotik. Letztere war auch Gegenstand meiner Dissertation. Ulm und Nürnberg gehörten wirtschaftlich, politisch und kulturell bekanntermaßen zu den wichtigsten deutschen Zentren des Spätmittelalters. Zahlreiche Skulpturen in unserer Sammlung, wie etwa Hans Multschers herausragendes Trinitätsrelief, der monumentale Heilige Georg von Niklaus Weckmann, die beiden vorzüglichen Statuetten der nackten, alten Frauen und nicht zuletzt eine ganze Gruppe famoser Arbeiten Michel Erharts, spiegeln die herausragende Bedeutung der Ulmer Kunst wider. Doch existierte bei meinem Antritt im Jahr 2006 nicht ein einziges Werk in der Sammlung, das die kunsthistorisch so bedeutende Rolle Nürnbergs auf dem Gebiet der Bildhauerkunst hätte vor Augen führen können.

Das hatte sicherlich einen wesentlichen Grund im mangelnden Angebot auf dem Kunstmarkt, welches wiederum daraus resultierte, dass man schlichtweg nicht erkannte, was nürnbergisch war. Denn im Gegensatz zur Ulmer Skulptur war die Nürnberger Skulptur der Spätgotik – mit Ausnahme weniger Objekte und Künstler wie Veit Stoß, Peter Vischer, Adam Kraft – bis in die 1990er-Jahre kaum auf kunsthistorisches Interesse gestoßen. Aber wie es der Zufall halt manchmal so will, sollte ich gleich zu Beginn meiner Frankfurter Tätigkeit eine Figur erwerben können, die mit Sicherheit nach Nürnberg zu lokalisieren war. Dadurch ließ sich diese Lücke wenigstens im Ansatz schließen.

Fränkische Forschungen

Ich hatte kurz vor meinem Umzug nach Frankfurt einen Aufsatz publiziert, der sich mit dem anonymen Bildhauer einer monumentalen Kreuzigungsgruppe in der Bartholomäuskirche im tschechischen Pilsen aus der Zeit um 1450 beschäftigt. Die (vornehmlich tschechische) Forschung verortete den Sitz seiner Werkstatt in Pilsen. Interessanterweise konnte ich nun aber in Nürnberg und Umgebung eine ganze Anzahl auf das Engste verwandter Einzelskulpturen und Figurengruppen nachweisen. Der Schluss drängte sich auf, dass die Werkstatt nicht in Pilsen, sondern in der fränkischen Reichsstadt angesiedelt war. Nürnberg besaß damals als dominante und bestens vernetzte Handelsmetropole nicht nur enge Verbindungen in die böhmische Nachbarstadt. Die Figurengruppe ließ sich außerdem in Nürnberg stilistisch auch wesentlich überzeugender verankern als in Pilsen. Damit war klar: Bei der Kreuzigungsgruppe in Pilsen handelte es sich um ein fränkisches Exportstück.

Ein „Trauernder Johannes“ für das Liebieghaus

Frisch im Liebieghaus angekommen, im September 2006, machte ich meinen Antrittsbesuch bei einem der Frankfurter Kunsthändler und staunte nicht schlecht, als ich an zentraler Stelle in seinem Schauraum einem Trauernden Johannes begegnete, der sich ganz zweifellos als Arbeit eben jener Nürnberger Werkstatt des Meisters der Pilsener Kreuzigungsgruppe zu erkennen gab. Charakteristisch für den Stand der Forschung war, dass die Figur als fränkisch-schwäbisch versteigert und in Frankfurt als salzburgisch angeboten wurde. Direktor Max Hollein stimmte dem Ankauf damals sofort zu. Seitdem steht die Johannesfigur, deklariert als Nürnberger Arbeit um 1440, im mittleren Kabinett der Mittelalterabteilung, in unmittelbarer Nähe zu Hans Multschers Trinitätsrelief.

Nürnberger Pendants

Die Figur, die ich ziemlich genau elf Jahre später rein zufällig im Kölner Kunsthandel entdeckte, entstammt demselben stilistischen Kontext. Deshalb sprang sie mir sofort ins Auge. Allerdings war sie keine Maria Magdalena, sondern eine Trauernde Maria. Spannenderweise stimmte sie in ihren Maßen weitgehend mit unserem Trauernden Johannes überein. Es konnte kein Zweifel bestehen: Beide Statuen gehörten ursprünglich zusammen – trotz ihrer extrem unterschiedlichen Erhaltungszustände. Der Johannes besitzt noch die vollständige Grundierung und große Partien originaler bzw. alter Fassung, während die Maria durch vollständiges Abbeizen, Patinierung, Verschmutzung und Beschädigung stark gelitten hat und sich optisch vollkommen anders präsentiert. Der Preis trug dem schlechten Erhaltungszustand in angemessener Weise Rechnung. So waren Herr Demandt und ich uns einig: Die Marienfigur sollte schnellstmöglich für die Liebieghaus Skulpturensammlung angekauft werden! Und so geschah es denn auch bereits im Dezember 2017, und zwar mit Mitteln aus dem Nachlass Werner Wirthle.

Noch ist die Figur nicht ausgestellt. Wir wollen sie erst in einen Zustand bringen, der ästhetisch mehr zufrieden stellt und ihre künstlerischen Qualitäten besser zur Wirkung bringt. Das wird noch geraume Zeit dauern, weil im Moment alle Kräfte – nicht zuletzt durch die Restaurierungen des Rimini-Altars und des Multscher-Reliefs – gebunden sind.

Erste Einblicke erhalten Sie jedoch am 9. August in einem Abendvortrag, bei dem ich im Rahmen unserer Reihe Aus erster Hand den Neuzugang vorstellen werde. Ich habe mir in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder die Zeit genommen, auch privat zu forschen und einige Untersuchungen vorzunehmen, um mehr über die Herkunft und die ursprüngliche Aufstellung der Marienfigur in Erfahrung zu bringen. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Autor:

Dr. Stefan Roller

Leiter der Abteilung Mittelalter

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