Die Rückkehr des Drachentöters

Der in eine prächtige Rüstung gewandete Ritter ragt steil und beeindruckend auf. Souverän zwingt er einen symbolhaft klein geratenen und wenig furchteinflößenden Drachen mit seinem Körpergewicht nieder und fixiert ihn unter seinen Füßen auf dem Sockel. Dabei umfasst er mit der linken Hand entschieden den Griff seines Schwertes, während er mit der rechten locker die Lanze hält.

Allein schon die Missproportion zwischen Ritterriesen und Drachenzwerg macht unmissverständlich klar: Hier gewinnt das Gute über das Böse. Und weil „gut“ im Mittelalter auch „schön“ bedeutet, erscheint der Ritter als wohlgestalter und makelloser Jüngling mit wehenden schulterlangen Locken und kleinem adretten Kinnbart.

Der heilige Georg, 1907 erworben, gehört zu den frühesten Ankäufen unter Georg Swarzenski und hatte in den Anfangsdekaden des Liebieghauses immer einen zentralen Platz in den Mittelaltersälen inne. Irgendwann aber begann der Verdacht zu keimen, es könnte sich um eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert handeln. In der Folge verschwand der Ritter zunächst aus der Schausammlung, dann aus dem Liebieghaus. Für etliche Jahre ging er als Dauerleihgabe an das Klostermuseum in Ochsenhausen, nahe Biberach an der Riss in Oberschwaben. Seit Anfang der 1990er-Jahre wissen wir jedoch, dass es sich um ein originales und bedeutendes spätgotisches Bildwerk handelt.

Ein Meisterwerk aus der Weckmann-Werkstatt

Die aus Eichenholz geschnitzte Statue stand ursprünglich mit der Figur einer Muttergottes und den Heiligen Petrus, Paulus und Benedikt im Hochaltarschrein der Klosterkirche eben jener Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen. Der Altar wurde in den Jahren 1496 bis 1499 in der Werkstatt des bedeutenden Ulmer Schreiners Jörg Sürlin d. J. (um 1455–1521) ausgeführt. Dabei ließ Sürlin die Schreinfiguren aber nicht in der eigenen Werkstatt produzieren, wie man das früher lange Zeit glaubte. Vielmehr übertrug er diese Aufgabe dem Ulmer Bildschnitzer Niklaus Weckmann. Dieser war seit 1481 in Ulm tätig und zum wichtigsten Konkurrenten Michel Erharts avanciert, des bedeutendsten und einflussreichsten Bildhauers jener Jahre in der Reichsstadt.

Weckmann orientierte sich an jenem erfolgreichen Ulmer Kollegen, aber auch an aktuellen oberrheinischen Vorbildern, wie dem berühmtesten Bildhauer dieser Zeit, Niclaus Gerhaert von Leyden. Daraus entwickelte er einen eigenen, gut wiedererkennbaren Stil mit einprägsamer Figurentypik. Der Frankfurter Georg und drei weitere, heute im nahe Ochsenhausen gelegenen Bellamont erhaltene Schreinfiguren (Madonna, Petrus und Paulus) gehören mit zum Qualitäts- und Kraftvollsten, was in der Weckmann-Werkstatt entstanden ist. Nicht ohne Grund wurden sie innerhalb der Werkstatt immer wieder als Prototypen verwendet.

Das Zusammenspiel von Figur und Licht

Alle Figuren sind aus Eiche gefertigt, ein eher ungewöhnliches Material für schwäbische Altarfiguren, für die damals in der Regel Lindenholz verwendet wurde. Und alle Figuren waren ursprünglich nicht farbig gefasst, zeigten also ihre Eichenholzoberfläche, wie dies der barocke Quellentext zu berichten weiß. Dass der heilige Georg (wie die Figuren in Bellamont heute noch) in späterer Zeit eine polychrome Fassung erhielt, lässt sich an seiner geschundenen und von zahlreichen Rissen durchzogenen Holzsubstanz ablesen, ein Zustand, der durch das Abbeizen der Farbe hervorgerufen wurde.

Alle diese Figuren sind vollrund gestaltet, also von allen Seiten mit dem Schnitzmesser behandelt, weshalb unser Georg auch frei im Raum präsentiert werden kann. Das mag zunächst überraschen – standen sie doch in einer Schreinkiste, was eine Ausarbeitung der Rückseiten eigentlich nicht erforderte. In Ochsenhausen jedoch war das anders. Hier war der Aufbau „gleichsam von Fensterchen durchbrochen und einfallsreich geöffnet“, wie den klösterlichen Annalen zu entnehmen ist. Der Reiz solcher durchbrochenen Altaraufbauten liegt darin, dass die Figuren, dem stimmungsvollen Wechsel des Lichtes im Laufe des Tages und der Jahreszeiten ausgesetzt, immer wieder ihr Aussehen verändern. Das allerdings setzte voraus, dass die Fenster im Chorhaupt genügend Licht hindurchfluten ließen, um den Schrein von hinten ausreichend beleuchten zu können.

Rückkehr und Restaurierung

Wir haben es beim heiligen Georg also mit einem höchst bedeutsamen und spannenden Objekt zu tun, das eine Fülle an Gründen dafür bot, ihn wieder nach Frankfurt zurückzuholen, nachdem in Ochsenhausen die Leihfrist abgelaufen war. Nach der Rückkehr ins Liebieghaus erfolgten einige konservatorische Maßnahmen durch unseren Restaurator Harald Theiss. Er war es auch, der wichtige zugehörige Teile wie etwa Lanze und Schwert, die aus unerfindlichen Gründen entfernt worden waren, wieder hinzufügte.

Nun leitet Niklaus Weckmanns heiliger Georg nicht nur als monumentaler Blickfang und reizvolles Sujet die Hauptsektion der Mittelaltersammlung ein. Er ergänzt darüber hinaus unsere ohnehin bereits hochwertige Schwabenecke um den vierten klangvollen Bildhauernamen der Freien Reichsstadt Ulm. Mit Hans Multscher, Michel Erhart und Daniel Mauch dokumentiert die Georgsfigur Niklaus Weckmanns deren letzte bedeutende Phase, als die Metropole an der Donau den deutschen Südosten als wirtschaftliches, politisches und künstlerisches Zentrum noch einmal auf beeindruckende Weise zu dominieren vermochte.

Autor:

Dr. Stefan Roller

Leiter der Abteilung Mittelalter

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