Medeas Liebe: Die Entstehung einer Ausstellung

Was haben die Republik Georgien, ein prächtiger Goldschatz und das Märchen von Jason und Medea miteinander zu tun? Kurator Vinzenz Brinkmann erklärt die Zusammenhänge und gibt Einblicke in die Entstehung der Ausstellung Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies.

Georgien, Heimat der Medea

David Lordkipanidze, Chef des Georgischen Nationalmuseums und renommierter Anthropologe, hielt sich 2015 als Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main auf. Während seines Aufenthalts in Frankfurt am Main nutzte nun David Lordkipanidze die Gelegenheit, mir eine Ausstellungskooperation im Kontext des Auftritts der Republik Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 vorzuschlagen. Da Georgien als Heimat der Medea gilt und somit Ziel der Argonautenfahrt war, leuchtete mir der Vorschlag unmittelbar ein. Schnell waren wir uns einig, eine Ausstellung zu gestalten, die den gesamten antiken Mythos mit den Highlights der griechischen und römischen Kunst bebildern und einen Höhepunkt durch die spektakulären Funde von antikem Goldschmuck Georgiens erhalten sollte.

Kolchis, eine antike Landschaft am Rande des Kaukasus

Auf Einladung der Regierung besuchte ich 2016 zum ersten Mal Georgien. Die Mitarbeiter des Kulturministeriums und des Georgischen Nationalmuseums nahmen mich sehr herzlich auf. Gemeinsam bereisten wir Kolchis und dessen moderne wie auch wohl antike Hauptstadt Kutaissi. Besonders eindrucksvoll erschienen mir die frühen christlichen Kirchenbauten und Klosteranlagen. Wichtig war mir jedoch in den Gesprächen mit den Kollegen der Archäologie die Frage, ob das moderne Kutaissi mit dem antiken Kutaia /Aia gleichzusetzen sei, das im Mythos als der Königssitz des Aietes, Vater der Medea, galt. Bei einem Besuch in den Depots und Archiven des lokalen archäologischen Museums wurde deutlich, dass „Pagrati“, die Akropolis und Burg von Kutaissi, bereits in der Bronzezeit, also im 2. Jahrtausend v. Chr., mit schweren Mauern bewehrt war. Dort wurden reiche Funde von Keramik und Bronzewaffen gemacht. In meinen Augen war somit der Ort wiedergefunden, dessen Ruinen – 500 Jahre nach dem Beginn des Verfalls – den klassischen Griechen im 1. Jahrtausend v. Chr. als Anregung für die Erfindung des Mythos von den Argonauten und Medea dienten.

    Hintergrund: Die Argonautensage und das Märchen einer tragischen Liebe zwischen Jason und Medea

    Als Jason forderte, dass sein Vater wieder als König eingesetzt werde, sandte ihn Pelias, der „böse“ Onkel, in ein aussichtsloses Abenteuer: Wenn er von Kolchis, am äußersten Ende des Schwarzen Meeres, mit dem Goldenen Vlies zurückkehre, so werde sein Vater erneut König. Mit dem Superschiff Argo stachen die 50 Argonauten in See, bestanden (nur mit Hilfe der Hera und Athena) außerordentliche Abenteuer und erreichten schließlich die Burg von Kutaia. Gegen ihren Willen verliebte sich die kolchische Prinzessin und Zauberin Medea in Jason, der von diesem Augenblick an durch den Schutz ihrer Zauberkraft sowohl das Goldene Vlies erobern als auch – nach seiner Rückkehr nach Iolkos – den verhassten Pelias ermorden sollte. Nach wenigen Jahren glücklicher Ehe, aus der zwei Knaben hervorgingen, betrog Jason aber die liebende Frau und stand kurz vor der Hochzeit mit der Prinzessin des reichen Korinths. Medeas Rache war unerbittlich: Sie tötete die Nebenbuhlerin und ihre eigenen Kinder und floh im Schlangenwagen des Sonnengottes Helios.

    Abbildung: Medea hält das Schwert, mit dem sie ihre Kinder ermorden wird, Wandgemälde aus der Villa Arianna in Stabiae, 1. Jh. n. Chr., Neapel, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, © Neapel, Su concessione del MiBAC – Museo Archeologico Nazionale di Napoli

Die berühmten griechischen Bronzestatuen vom römischen Quirinalshügel

Dass das antike Kolchis auf georgischem Gebiet liegt, war aber nicht der einzige Grund, warum mir der Vorschlag von David Lordkipanidze zu einer gemeinsamen Ausstellung gefiel: Im Kontext unseres Forschungsprojektes zur antiken Statuenpolychromie (Liebieghaus Polychromy Research Project) hatten wir bereits vor einigen Jahren die These erhärtet, dass die berühmten griechischen Bronzestatuen vom römischen Quirinalshügel keine historischen, sondern vielmehr mythische Gestalten darstellen. Hierzu hatten wir gewichtige Argumente gesammelt, die auch im Zusammenhang mit der ursprünglichen Farbgestaltung der Figuren stehen. So konnten wir zeigen, dass auch die stehende Figur deutliche anatomische Merkmale von Schwellungen aufweist, die nur durch einen Boxkampf hervorgerufen worden sein können.

Nach unserer Überzeugung stellt der sogenannte Faustkämpfer den König der Bebryker und der sogenannte Thermenherrscher den Polydeukes, Sohn des Zeus, dar. Beide Figuren sind demnach einer einzigen Statuengruppe zuzuordnen, die das vielleicht spannendste Abenteuer der Argonauten auf ihrer Fahrt nach Kolchis wiedergibt: Die Argo landet am Ufer des Bosporus und muss die Wasservorräte auffüllen. Der Zugang zur Quelle wird von Amykos, dem dortigen König, verweigert. Er ist es gewohnt, Fremde im Boxkampf zu töten. Jetzt besiegt ihn Polydeukes jedoch in einem ungewöhnlich schweren Kampf und fordert von Amykos statt Feindseligkeit dessen Gastfreundschaft.

Das Liebieghaus Polychromie-Projekt war in den letzten Jahren sehr erfolgreich: Die Liebieghaus Wanderausstellung zur antiken Statuenpolychromie (Bunte Götter/Gods in Color) im Kulturjahr 2017 war nach Picasso die zweiterfolgreichste Ausstellung von Mexiko City. In San Francisco erzielte sie einen „viralen“ Erfolg mit bis zu 6.000 Besuchern am Tag. Als Philipp Demandt nun den Städelschen Museums-Verein und die Christa Verhein-Stiftung um Unterstützung bat, stieß er auf große Bereitschaft, ein neues Polychromie- Projekt zu realisieren: den Nachguss der Quirinalsbronzen als Abenteuer der Argonauten. Dem eigentlichen Prozess des experimentellen Nachgusses und der Rekonstruktion der Farbigkeit der Bronzen gingen verschiedene naturwissenschaftliche Untersuchungen voraus. Zusammen mit unseren italienischen Kollegen analysierten wir die beiden Originale in der Röntgenfluoreszenzspektroskopie, endoskopierten das Innere der Figuren, stellten Lötnähte und Fehlstellen mithilfe der Radiografie dar und optimierten schließlich die neue Methode der Thermografie, um Wandungsstärken der Metalleinlagen zu ermitteln. Anschließend galt es, die Figuren durch einen hochauflösenden 3D-Scan räumlich zu vermessen. Die optimierten Daten dienten im Anschluss daran dem 3D-Print der Wachsformen, die unser Team überarbeitete.

Der Bronzeguss selbst erfolgte – wie auch bereits im Falle der Bronzekrieger von Riace – in der Kunstgießerei Strassacker in der Nähe von Göppingen. Die Mitarbeiter von Strassacker übernahmen ebenso die Ziselierung (Reinigung und Nachbearbeitung der Oberfläche) wie auch die komplexe Patinierung (chemische Oberflächenveredelung) der Nachgüsse. Das Liebieghaus-Team behandelte schließlich die Oberflächen der Figuren mit antiken Rezepturen, sprich mit Asphalt, Leinöl und Pigment. Die größte Herausforderung stellten jedoch die Rekonstruktion der zahlreichen in Kupfer gearbeiteten Wunden des Boxers wie auch die Gestaltung der fehlenden Augen aus farbigen und polierten Steinen dar. Nun blicken sich die beiden Kontrahenten wieder an, und das Entsetzen im Gesicht des Unterlegenen wird wieder lebendig.

Eindrucksvolle Ausstellungsarchitektur für einzigartige Leihgaben

Das Rekonstruktionsprojekt ist vor einigen Wochen abgeschlossen worden. Die Rekonstruktionen stehen in der Rotunde des Liebieghauses und sind ein absoluter Hingucker. Wichtiger jedoch sind die einzigartigen Leihgaben, die wir aus Neapel, Rom, London, Paris, Berlin, München und Göttingen erhalten haben: Bedeutende Wandmalereien aus den Vesuvstädten Pompeji und Stabiae, aber auch prominente Vasen und Skulpturen erzählen die Argonautensage und die Geschichte von Jason und Medea. Die aufwendige szenografische Architektur der Ausstellung, die unter anderem die kolchische Burg des Aietes mit ihrem fantastischen Goldschatz wiedererstehen lässt, zieht die Besucher in ihren Bann, während sie die Abenteuer der griechischen Helden und die Liebe der Medea unmittelbar nacherleben können.

Autor:

Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann

Leiter der Abteilungen Antike und Asien

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