Provenienzforschung im Liebieghaus

Seit Mai 2015 untersucht die Liebieghaus Skulpturensammlung die Herkunft aller nach 1933 erworbenen Objekte in ihrem Bestand. Es wird geprüft, ob sich darunter Stücke befinden, die jüdischen Vorbesitzern während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogen wurden. Das dreijährige Forschungsprojekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und der Stadt Frankfurt gefördert.

Historische Verantwortung

Die Grundlage für die Provenienzforschung bildet die Ende des Jahres 1998 auf der „Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“ in Washington formulierte „Washingtoner Erklärung“, die insgesamt 44 Teilnehmerstaaten und 13 nichtstaatliche Organisationen unterzeichneten. Es handelt sich bei dieser Erklärung um elf ethische Richtlinien in Bezug auf den Umgang mit verfolgungsbedingt entzogenem Kunst- und Kulturgütern in den Beständen staatlicher Museen und Sammlungen. Die betreffenden Objekte sollen identifiziert und während der NS-Zeit erfolgte Unrechtsmaßnahmen rückgängig gemacht werden. Die BRD hat gemeinsam mit den Ländern und Kommunen im Dezember 1999 eine zusätzliche Selbstverpflichtungserklärung in Bezug auf die Umsetzung der „Washingtoner Erklärung“ verabschiedet, die sogenannte „Gemeinsame Erklärung“.

In Reaktion auf die Washingtoner Prinzipien wurde in Deutschland von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg die sogenannte „Lost Art-Internet-Datenbank“ eingerichtet. Auf dieser kann unter anderem im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz (sog. NS-Raubgut), als Fund- oder Suchmeldung registriert werden. Die Datenbank wird heute vom 2015 gegründeten Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betrieben.

Seit Verabschiedung der „Washingtoner Erklärung“ konnten aus der städtischen Skulpturensammlung im Liebieghaus bisher fünf Objekte an die Erben der ehemaligen jüdischen Besitzer restituiert werden.

Erwerbungen der Liebieghaus Skulpturensammlung seit 1933

Die Städtische Galerie erwarb für die Skulpturensammlung im Liebieghaus in den Jahren 1933 bis 1945 insgesamt 460 Objekte. Im Zuge der Rückerstattungsgesetze der Alliierten wurden von diesen Objekten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg über 300 restituiert, da sie aus jüdischen Kunstsammlungen oder von den Deutschen besetzten Gebieten stammten. Heute befinden sich noch 150 zwischen 1933 und 1945 erworbene Objekte im Bestand, deren Herkunft bisher nicht erschlossen wurde. Nach 1945 wuchs die Sammlung bis heute um rund 250 weitere Objekte. Auch für diese Werke muss die Provenienz für die Jahre 1933 bis 1945 geprüft werden.

Die Geschichte dieser insgesamt ca. 400 Skulpturen wird nun im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts untersucht, um zu prüfen, ob sich darunter belastete Provenienzen befinden, d.h. Objekte, die jüdischen Eigentümern während der NS-Zeit verfolgungsbedingt abhandenkamen.

Spuren suchen und finden

Anna Heckötter, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts, sucht Spuren, die auf die Vorbesitzer eines Objekts verweisen. Diese Spuren können an unterschiedlichen Orten gefunden werden. Zunächst wird das Objekt selbst unter die Lupe genommen: Finden sich dort Inschriften, Aufkleber, Stempel, Siegel oder Ähnliches? Möglicherweise ergeben sich hieraus schon Hinweise auf eine Galerie oder ein Auktionshaus, eine Ausstellung, die früheren Eigentümer oder eine Sammlung, die weitere Recherchen möglich und nötig machen. Unter diesem Fokus wird jede in der Institution vorhandene Objektinformation gesammelt und ausgewertet. Gibt es Rechnungen, schriftliche Verkaufsverhandlungen, Notizen, Fotos, Auktionskataloge, Literatur? Welche weiteren Archive könnten Informationen zu dem Objekt liefern?

Mit jedem untersuchten Objekt werden auch die Geschichte seiner ehemaligen Besitzer und deren individuelles Schicksal dokumentiert. So findet Anna Heckötter mit Hilfe von historischen Adressbüchern und der Einwohnermeldekartei, über Fotografien und Briefe biografische Spuren der Menschen, die einst eine Skulptur oder eine große Sammlung besaßen.

Aufarbeitung und Transparenz

Die Dokumentation der Institutionsgeschichte und deren Ankaufspolitik in den Jahren 1933 bis 1945 ist ein weiteres wichtiges Anliegen der aktuellen Forschungen der Liebieghaus Skulpturensammlung. Die Beziehungen zu jüdischen Privatsammlern werden ebenso wie die Verbindungen zur NS-Kulturpolitik und zum Kunsthandel untersucht und die Ergebnisse nach Abschluss der Forschungen veröffentlicht.

Autor:

Dr. Iris Schmeisser

Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv

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