Garstige Alte

Ulm
um 1480

Buchsbaum, partiell bemalt
Höhe 16 cm

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Die virtuos geschnitzte Statuette einer alten Frau ist bis auf ihr Schleiertuch nackt. Ihrer Blöße gerade erst bewusst geworden, versucht sie verzweifelt Scham und Brüste zu bedecken und beklagt ihren bejammernswerten Zustand. In merkwürdigem Kontrast zu den schlaff herabfallenden Brüsten, dem alten Gesicht, dem zahnlosen Mund und dem faltigen Hals stehen die glatte Haut der Gliedmaßen und die relativ straffe Körperkontur. Sie scheinen einer Jüngeren zu gehören. Vor allem die Rückansicht erinnert kaum mehr an eine alte Frau.

Aus diesem Gegensatz spricht eine Mahnung an die Vergänglichkeit irdischen Lebens; dies umso eindringlicher, als die ganze Körperhaltung der Alten das Darstellungsschema einer antiken Skulptur, der Venus pudica oder schamhaften Venus, wiederspiegelt. Diese galt als Inbegriff weiblicher Schönheit und Tugend, aber auch lasterhafter Verführungskunst. Verstehen konnte diese – fast schon ironisch anmutende – Anspielung freilich nur, wer über eine angemessene humanistische Bildung verfügte. Das alles scheint auf die sogenannten Kunst- und Wunderkammern hinzuweisen. Darunter versteht man Kunst- und Naturaliensammlungen, die vermehrt seit dem 16. Jahrhundert von Adel und wohlhabendem Bürgertum angelegt wurden und die Anfänge des modernen Museums bilden.

Unsere Figur aber ist älter. Die besten Vergleiche finden sich bei Ulmer Bildwerken der Zeit um 1470 bis 1485! Damit befinden wir uns in der Anfangszeit der Kunstkammern. Für Kaiser Friedrich III. beispielsweise ist bereits vor 1484 eine Kleinodiensammlungen belegt. Für derartige Gelegenheiten scheint die Figur gemacht worden zu sein. Die „Garstige Alte“ zählt somit zu den ersten Aktfiguren ihrer Art. Darin liegt ihre Besonderheit.

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