Niclaus Gerhaert von Leyden (um 1430/40 - um 1473)

Sybille

Niclaus Gerhaert von Leyden, Sybille, sog. Bärbel von Ottenheim, Straßburg, 1463/64
Niclaus Gerhaert von Leyden, Sybille, sog. Bärbel von Ottenheim, Straßburg, 1463/64

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Niclaus Gerhaert von Leyden

um 1430/40 - um 1473

Der aus dem holländischen Leiden stammende Niclaus Gerhaert war über mehrere Generationen hinweg der einflussreichste Bildhauer seiner Zeit nördlich der Alpen. Seine wirklichkeitsnahe, bewegte und äußerst virtuose Kunst prägte über Jahrzehnte die nordalpine Bildhauerei. Er arbeitete gleichermaßen virtuos in Stein und Holz. Über seine Ausbildungsjahre ist nichts bekannt. Seine wirklichkeitsbetonte, das Stoffliche durch differenziert bearbeitete Oberflächen hervorhebende, psychologisierende Kunst lässt aber den Schluss zu, dass er entscheidende Impulse von der niederländisch-französisch bestimmten Bildhauerkunst Burgunds erhielt. Insbesondere könnte der für die Burgunderherzöge in Dijon arbeitende Niederländer Claus Sluter (um 1350–1405) von Bedeutung gewesen sein.

Fassbar wird Gerhaert erstmals mit der 1462 datierten und mit seinem Namenszug versehenen Grabplatte für den 1456 verstorbenen Trierer Erzbischof Jakob von Sierck im Trierer Diözesanmuseum. Wahrscheinlich entstand sie schon in Straßburg, wo Gerhaert bereits seit Ende der 1450er Jahre ansässig gewesen sein dürfte, obwohl er dort erst seit 1463 urkundlich belegt ist und 1464 Vollbürger wird. Denn ebenfalls 1462 datiert ist der Hochaltar der Georgskirche in Nördlingen, dessen geschnitzte und gefasste Schreinskulpturen aus der Werkstatt Gerhaerts stammen. Der Auftrag zu diesem Retabel fällt aber schon in das Jahr 1459. 1463/64 zeichnet Gerhaert für den Figurenschmuck am Portal der nicht mehr existierenden Neuen Kanzlei in Straßburg verantwortlich, zu dem gesichert die Köpfe eines Propheten im Straßburger Frauenhausmuseum und einer Sibylle im Liebieghaus gehörten. Beide waren bis 1870 Teil von Halbfiguren, die mit verschränkten Armen bewegt aus zwei Scheinfenstern oberhalb des Portals blickten. Ob die grandiose Büste eines Mannes im Straßburger Frauenhausmuseum, möglicherweise ein Selbstbildnis Gerhaerts, ebenfalls aus diesem Zusammenhang stammt, ist vorerst nicht zu klären. Die drei Bildwerke gaben jedenfalls wegweisende Impulse für die Gestaltung von Büsten und Halbfiguren.

1464 folgte das Grabmal für Erzbischof Busang oder Busnang im Straßburger Münster, 1464 wurde der Hochaltar für das Münster in Konstanz fertiggestellt, der im reformatorischen Bildersturm vernichtet wurde, und damit die einzigen für Gerhaert archivalisch gesicherten Holzfiguren. 1467 datiert ist das monumentale und für nachfolgende Bildhauer ebenfalls typenbildende monumentale Steinkruzifix für den Friedhof in Baden-Baden (heute Stiftskirche). 1467 gab der Bildhauer dem langjährigen Drängen Kaiser Friedrichs III. nach und folgte seiner Einladung nach Wien oder Wiener Neustadt, wo er bis zu seinem Tod 1473 am gigantischen Hochgrab des Kaisers arbeitete (heute Stephansdom, Wien). Wir gehen heute davon aus, dass zahlreiche der bekanntesten Bildhauer der Spätgotik ohne die innovative Kunst Niclaus Gerhaerts undenkbar wären, allen voran Michael Pacher, Michel Erhart, Veit Stoß, Tilman Riemenschneider oder Adam Kraft.

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Straßburg

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