Michel Erhart (um 1445 - nach 1522)

Michel Erhart

um 1445 - nach 1522

Michel Erhart, der in der kunsthistorischen Forschung bis in die 1930er Jahre ganz im Schatten seines Sohnes Gregor stand, zählt heute zu den bedeutendsten Bildhauern der Spätgotik nördlich der Alpen. Ihm kann inzwischen ein stattliches Œuvre zugeschrieben werden. Er arbeitete in Stein und Holz. Er wurde vermutlich am Oberrhein ausgebildet bzw. hat dort als Geselle gearbeitet, wahrscheinlich beim bedeutendsten Bildhauer jener Zeit nördlich der Alpen, bei Niclaus Gerhaert von Leyden in Straßburg. Zwischen 1469 und 1522 ist Erhart der meistgenannte Bildhauer in den Ulmer Akten. 1469 wird er erstmals urkundlich in den reichsstädtischen Steuerakten erwähnt. Er muss demnach bereits Meister einer eigenen Werkstatt gewesen sein.
Als Bildhauer greifbar wird er erstmals genau zu dieser Zeit am Chorgestühl des Ulmer Münsters, für das der Kunstschreiner Jörg Syrlin d. Ä. 1469 vom Rat der Stadt den Auftrag bekommen hatte. Dort werden Erhart die Mehrzahl der vollplastischen und fast lebensgroßen Büsten antiker Philosophen und Sibyllen an den Pultwangen des Gestühls zugeschrieben, daneben Reliefbüsten alttestamentlicher Gestalten sowie einiger Heiliger. Diese Bildwerke begründeten seinen raschen und lang anhaltenden Ruhm. Zahlreiche Aufträge folgten. In der Nachfolge des 1467 verstorbenen Hans Multscher muss Erhart als erfolgreichster, wichtigster und einflussreichster Bildhauer in Ulm, der Region und weit darüber hinaus gelten. Sein Wirkungskreis erstreckte sich von Ulm bis zum Bodensee und in die Schweiz, nach Bayern und Österreich, bis ins Neckarschwäbische, Fränkische und in den Schwarzwald. Zahlreiche Bildhauer wurden durch ihn beeinflusst, namentlich sein Sohn Gregor und Tilman Riemenschneider.
Erhart ist bis 1516/17 als Bildhauer nachweisbar. 1522 erhielt er vom Rat der Stadt Ulm eine stattliche Leibrente, die beweist, wie anerkannt er zu Lebzeiten war. Erharts bekannteste Werke sind neben den Arbeiten für das Ulmer Chorgestühl die Figuren des Hochaltars in der Benediktinerklosterkirche Blaubeuren (1493/94), die zu den herausragenden Arbeiten spätgotischer Bildhauerkunst nördlich der Alpen zählen, sowie zahlreiche monumentale Kruzifixe, unter anderem in Schwäbisch Hall (1494) und Landshut (1495). Das zu seiner Zeit sicherlich einflussreichste Werk, die Figuren für den riesigen Hochaltar des Ulmer Münsters, wurde ein Opfer des Bildersturms 1531.

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