Schön im Leiden

24. Mai bis 20. August 2006
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Schön im Leiden - Skulpturen der Passion Christi von Hans Multscher

Der Bildschnitzer und Maler Hans Multscher zählt zu den großen Künstlern des Spätmittelalters. Seine Ausbildung erhielt der um 1400 geborene Meister im nordwestlichen Frankreich und den heutigen Benelux. Dabei sah er Werke des auf Idealisierung ausgehenden ‚Schönen Stils', der seit den 1360er Jahren die Kunst nördlich der Alpen eroberte. Er wurde aber auch von jener neueren realistischen Stilrichtung angeregt, die in den Brüdern van Eyck, Rogier van der Weyden und Nikolaus Gerhaert von Leyden wichtige Vertreter hatte.

Um 1425 kehrte Multscher in seine schwäbische Heimat zurück und betrieb mit zahlreichen Mitarbeitern in der Reichsstadt Ulm für knapp vier Jahrzehnte seine Werkstatt. Nicht nur, weil Schüler seinen Stil verbreiteten, auch dass Multschers Werke von bürgerlicher und adliger Elite bewundert wurde, erklärt seine kaum zu überschätzende Stellung in der Kunst der Zeit.

Mit der weiblichen Heiligen und dem Schmerzensmann sind ein eigenhändiges, um 1465 spät entstandenes Werk des Meisters und eine wenig früher durch einen Schüler geschaffene Figur zusammen zu betrachten. Der Schmerzensmann reflektiert stilistisch und in der Fasstechnik ältere Werke des Meisters, u. a. den Schmerzensmann vom Ulmer Münster. Dabei zeigt das Übernommene, wie viel Multschers Leistungen anderen Künstlern bedeuteten. Dass der Schüler bei seinem Schmerzensmann zu eigenen Lösungen kam, spricht drüber hinaus von der Güte der künstlerischen Ausbildung in Multsches Werkstatt und von der Eigenständigkeit des vermutlich jüngeren Schnitzers.

Gemeinsam ist den Skulpturen nicht nur ein Thema aus der Passion Christi. Dieses ist auch in besonderer, für die Zeit und Multschers Stil typischer Weise dargestellt. Trotz aller Drastik sind die Figuren schön, erscheinen aber zugleich möglichst realistisch. Soll die Form das Auge des Betrachters fangen, so zielt die wirklichkeitsnahe Darstellung auf sein Mitleiden und sein Nachdenken. Nur im Nachfühlen des Gesehenen und in der Kontemplation über das Leiden und den Erlösungstod Christi ist der scheinbare Widerspruch zu erfassen und zu überbrücken.

Das Städelsche Kunstinstitut (Städel Museum) in Frankfurt am Main und die Staatlichen Museen Kassel sind seit März 2003 Kooperationspartner.
Einbezogen in diese Kooperation ist die Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main.
Die umfangreichen und bedeutenden Bestände der drei Institutionen ergänzen sich in vielfältiger Weise. Zwischen beinahe allen Sammlungsbereichen zeigen sich Wahlverwandschaften einzelner Kunstwerke. Das Projekt 'Blickwechsel' trägt dem Rechnung und führt jeweils ein Objekt aus Kassel mit einem Gegenstück aus Frankfurt zusammen.
In dieser Konfrontation eröffnen sich überraschende neue Perspektiven auf die beiden Werke. Nacheinander in beiden Städten gezeigt, entspinnt sich darüber hinaus auf je eigene Weise ein Beziehungsgeflecht zu den weiteren, ausgestellten Beständen.

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