Jean-Antoine Houdon

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), 1780
Bronze, Höhe 45 cm, Höhe mit Sockel 57,5 cm
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Liebieghaus Skulpturensammlung kauft bedeutende Rousseau-Büste von Jean-Antoine Houdon

Anlässlich des 300. Geburtstags des großen Philosophen, Schriftstellers, Pädagogen und Naturforschers Jean-Jacques Rousseau (1712 Genf –1778 Ermenonville bei Paris) kann die Liebieghaus Skulpturensammlung einen bedeutenden Ankauf verkünden: Das Museum hat mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und des Städelschen Museums-Vereins e. V. eine 1780 von Jean-Antoine Houdon (1741 Versailles –1828 Paris), einem der berühmtesten französischen Bildhauer der Aufklärung, geschaffene Porträtbüste Rousseaus erwerben können. Der französische Gelehrte und Schriftsteller gilt als einer der maßgeblichen geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution und hatte großen Einfluss auf die Pädagogik und die politischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Skulptur ist eines der wichtigsten Porträts von Rousseau und eine bedeutende Ergänzung für die Sammlung des Liebieghauses, das anhand einer Reihe von signifikanten Porträtbüsten die Entwicklung dieser Gattung vom 15. bis zum 19. Jahrhundert abbilden kann. Die Rousseau-Büste – entstanden in der Blütezeit von Houdons Schaffen – überzeugt vor allem durch ihre bemerkenswerte Wirklichkeitsnähe und Lebendigkeit. Sie zeigt den berühmten Philosophen in der damals überaus modernen antikisierenden Hermenform, umhüllt von einer Toga und mit einem um den Kopf gewundenen Haarband, das Houdon als "Band der Unsterblichkeit" bezeichnete. Insgesamt existieren zwei Versionen von Houdons Bronzebüste: Neben der nun vom Liebieghaus auf dem Kunstmarkt erworbenen Skulptur befindet sich eine weitere Version in der Sammlung des Pariser Louvre. Die hohe Qualität des vom Liebieghaus erworbenen Werkes drückt sich in der physiognomischen Durchdringung und in der meisterhaften Oberflächenbehandlung aus. Wie kein anderer zeitgenössischer Bildhauer verstand es Houdon, die Züge seiner Modelle und deren Charakter zu erfassen. Im Rahmen der Reihe "Liebieghaus Positionen" wird die Büste im Spätherbst 2012 in einem Vortrag von Dr. Maraike Bückling, Leiterin der Abteilungen Renaissance bis Klassizismus der Liebieghaus Skulpturensammlung, erstmals öffentlich vorgestellt. Ab diesem Zeitpunkt wird sie auch in der Sammlung des Liebieghauses zu sehen sein.

Für Max Hollein, Direktor der Liebieghaus Skulpturensammlung, schließt sich durch den Ankauf dieses
"hervorragenden und charakteristischen Werkes" eine weitere Lücke in der Sammlung des Hauses. "Der von Gründungsdirektor Georg Swarzenski vorgezeichnete Weg zur Veranschaulichung der Entwicklung der Bildhauerkunst kann durch diesen Neuzugang glanzvoll fortgesetzt werden", so Hollein. Dr. Maraike Bückling zeigte sich über den gelungenen Ankauf hocherfreut: "Mit der Erwerbung der Houdon-Büste des berühmten Philosophen und Schriftstellers Rousseau verfügt das Liebieghaus über ein weiteres zentrales Werk der französischen Bildhauerkunst auf höchstem Niveau."

"Im Liebieghaus hat das Rousseau-Bildnis seinen idealen endgültigen Standort gefunden. Hier hat man
den Stellenwert des Künstlers lange erkannt und Houdons OEuvre bereits mit einer großen Ausstellung
geehrt. Es bietet somit optimale museale Bedingungen für die Präsentation und wissenschaftliche
Erforschung.", äußerte sich Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder.
"Im Kontext der Frankfurter Skulpturensammlung nimmt das bildhauerische Werk von Jean-Antoine
Houdon einen bedeutenden Stellenwert ein. So freue ich mich, dass die Ernst von Siemens Kunststiftung dazu beitragen kann, nun diese bedeutende Portraitbüste Houdons für die Sammlung des Liebieghauses zu gewinnen", bekräftigte Prof. Dr. Joachim Fischer, Geschäftsführer der Ernst von Siemens Kunststiftung. Der Städelsche Museums-Verein hat sich nicht nur maßgeblich am Kauf der Skulptur beteiligt, sondern auch die Kosten für die anstehenden Restaurierungsarbeiten in vollem Umfang übernommen. "Ich freue mich sehr, dass es uns gelungen ist, diesen Ankauf zu ermöglichen und die Houdon-Büste schon bald in neuem Glanz und im Kontext der Liebieghaus Skulpturensammlung den Museumsbesuchern zugänglich zu machen", so Harald Görtz, Leiter der Geschäftsstelle des Städelschen Museums-Vereins.

Jean-Antoine Houdon, dem das Frankfurter Museum erst im Winter 2009/2010 eine große
Sonderausstellung widmete, ist einer der wichtigsten französischen Künstler des 18. Jahrhunderts. Als beispielgebender Bildhauer der Aufklärung und erfolgreichster Porträtbildhauer seiner Zeit zählte er
Politiker, Fürsten, Künstler und Wissenschaftler wie Diderot, Voltaire, Christoph Willibald Gluck,
Benjamin Franklin, Thomas Jefferson oder George Washington zu seinen Freunden und Mäzenen.
Houdon porträtierte bürgerliche Auftraggeber, französische und amerikanische Aufklärer, aber auch
Herrscher wie Katharina II., Ludwig XVI., Napoleon I. und Angehörige des Hofs wie Madame Adélaïde
oder Prinz Heinrich von Preußen. Oft hatte Houdon seinem Wunsch, den berühmten Philosophen und
Schriftsteller Rousseau zu porträtieren, Ausdruck verliehen. Der Bildhauer traf jedoch niemals mit dem
Philosophen zusammen, denn dieser lehnte es ab, porträtiert zu werden. Rousseau starb am 2. Juli 1778 auf dem Landgut Ermenonville des Marquis René-Louis de Girardin bei Paris. Der Marquis bat Houdon noch in der Nacht per Expressbrief, zu ihm zu reisen und eine Maske vom Gesicht des Verstorbenen zu machen, um dessen Züge für die Nachwelt zu bewahren. Mithilfe der Totenmaske und sicherlich auch auf Grundlage bereits vorhandener Porträts war Houdon in der Lage, den berühmten Philosophen wirklichkeitsnah wiederzugeben. Die vom Liebieghaus erworbene Büste Rousseaus zeigt im Stil der antiken Hermenform den Kopf und die Schulterpartie des Aufklärers auf einem Sockel. Der Körper ist von weich fallendem Stoff umgeben, während der Hals frei bleibt. Der hoch aufgerichtete Kopf und der Blick wenden sich nach links. Die Büste stellt Rousseau mit nachdenklichem Gesichtsausdruck dar, auch der schmale Mund wirkt ernst und lässt zugleich den Hauch eines Lächelns erahnen. Die eingefallenen Wangen und die Falten am Hals deuten das hohe Alter des Porträtierten an. Die sorgfältig modellierten Haare scheinen ihrem natürlichen Verlauf zu folgen und verleihen der Büste – gemeinsam mit den wirklichkeitsnah erscheinenden Gesichtszügen – ein überaus lebendiges Aussehen.

Das Liebieghaus beheimatet eine rund 3.000 Werke umfassende Skulpturensammlung von höchster Qualität und bietet einen epochen- und kulturübergreifenden Überblick über 5000 Jahre Geschichte der Bildhauerei – vom alten Ägypten bis zum Klassizismus. Dieser reichhaltige Bestand geht seit Gründung des Liebieghauses vor über 100 Jahren auf Werke aus den Sammlungen anderer Frankfurter Institutionen sowie verschiedener Privatsammlungen zurück und wurde von Beginn an durch bedeutende Erwerbungen ergänzt.

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