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Anonym, Relief mit dem Evangelisten Johannes, um 1430/40


Relief mit dem Evangelisten Johannes

um 1430/40

Kalkstein (Solnhofen?)
Inv. Nr. St. P. 613

11.5 cm

Mai 2007 gelang dem Städelschen Kunstinstitut erneut eine bedeutende Erwerbung für das Liebieghaus. Wieder handelt es sich um eine Darstellung des Apostels Johannes, diesmal allerdings als Autor des nach ihm benannten Evangeliums bzw. der neutestamentlichen Offenbarung. Der in ein langärmeliges Kleid und einen langen Mantel gehüllte jugendliche Evangelist sitzt nach links gewandt auf einer niedrigen maßwerkgeschmückten Bank. Auf dem kleinen Schreibpult vor ihm, das mit Maßwerkbögen verziert ist, liegt ein aufgeschlagenes Buch, in das er gerade mit einem Pinsel oder einer Rohrfeder schreibt. Seitlich der Sitzbank ist ein Adler platziert, sein individuelles Symbol. Hinterfangen wird die Szene von einem Ehrentuch, das zwei kleine Engelchen emporhalten. Eng gerahmt wird das Ganze von einer Vierpassform. Die geometrischen und figuralen Formen sind als flaches Relief aus einem Stück gelblich grauen, wahrscheinlich Solnhofer Kalksteins fein herausgeschnitten, dessen Grundform ein Quadrat mit großzügig abgerundeten Ecken bildet.
Das Stück gehört zu einem gleichgearteten Relief mit dem Evangelisten Lukas, das bereits 1928 aus der Fürstlich Hoherzollernschen Sammlung in Sigmaringen für das Liebieghaus erworben wurde. Das Paar gehörte ursprünglich sicherlich zu einem Ensemble mit den Darstellungen aller vier Evangelisten. Doch fehlt von Markus und Matthäus bislang jede Spur. Gedient haben dürften die vier Reliefs als Formmodelle für Goldschmiedearbeiten, die dann in Silberblech o.ä. frei nachgetrieben wurden.
Derartige Treibarbeiten mit den Evangelisten oder deren Symbolen finden sich als Applizierungen auf Buchdeckeln liturgischer Handschriften, doch nicht in dieser Größe. Sehr viel plausibler ist ihre Verwendung an den Enden eines großen Vortrage- oder Altarkreuzes, wie es bei Prozessionen etc. vorangetragen wurde.
Häufig wurden diese Musterformen nicht nur einmalig benutzt, sondern sie blieben viele Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte und Generationen in Gebrauch. Vielleicht überlebten unsere Reliefs auf diese Weise als werkstattinterne „Gebrauchsgegenstände“ bis jemand ihren künstlerischen Wert erkannte und sie für eines der seit dem 16. Jahrhundert immer populärer werdenden Kunstkabinette sicherte. Da sich nur wenige derartige mittelalterliche Modellformen erhalten haben, kommt den Frankfurter Stücken besondere Bedeutung zu.
Wer für die Herstellung der Reliefs verantwortlich zeichnet, wissen wir nicht. Ein unbedeutender Bildhauer jedoch war der Unbekannte keinesfalls, und stilistisch lässt er sich zweifellos im Oberschwäbischen verankern. Für das Lukasrelief wurde im Bestandskatalog des Liebieghauses tendenziell eine Entstehung in Augsburg angenommen. Die angeführten Vergleichsstücke können in stilistischer Hinsicht jedoch nicht überzeugen. Sehr viel näher stehen Arbeiten aus der Werkstatt und dem Umkreis des 1427 in Ulm eingebürgerten Hans Multscher, der mit seinen Figuren für das Ulmer Rathaus schnell zu Popularität kam und bei seinen Kollegen innerhalb kürzester Zeit großen künstlerischen Einfluss erlangte. Für Ulm könnte überdies sprechen, dass die Freie Reichsstadt im 15. Jahrhundert zu den führenden Goldschmiedezentren gehörte. Aufgrund der fast vollständig fehlenden Werke ist dies allerdings in Vergessenheit geraten. Aber die zwischen 1390 und 1525 nachweisbaren 139 Goldschmiede sprechen für sich. Ulm als Entstehungsort der beiden Evangelistenreliefs hat also bei Weitem die größte Wahrscheinlichkeit.
12345  Bewertung: (3.00)

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