Ein Blick zurück auf 40 Jahre Forschung

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „BUNTE GÖTTER – GOLDEN EDITION. Die Farben der Antike“ lässt Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann seine Forschungsarbeit noch einmal Revue passieren.

Wie alles begann

1980 habe ich – ausgestattet mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – in Athen begonnen, die Farbigkeit der antiken Marmorskulpturen zu untersuchen. Wenn wir nun im Januar die erweiterte Fassung der Ausstellung „Bunte Götter“ im Frankfurter Liebieghaus eröffnen werden, blicke ich persönlich auf 40 Jahre Forschung zur sogenannten Statuenpolychromie zurück. Das erstaunt mich! Auch überrascht mich die Tatsache, dass die „Bunten Götter“ seit 2003 an 30 Orten weltweit gezeigt wurden und dass wir dieses Projekt immer wieder mit ungebrochenem Einsatz und Ehrgeiz verfolgen. Handelt es sich um Leidenschaft oder doch um Obsession?

Ulrike Koch, später Koch-Brinkmann, ist seit 1984 Teil eines sehr aktiven Teams, das unser gemeinsamer Lehrer Professor Volkmar von Graeve um sich geschart hatte, mit dem Ziel, Phänomene der Farbe in der griechischen und römischen Antike zu erforschen. Von Graeve selbst hatte für seine Dissertation, die er an der Goethe-Universität Frankfurt abschloss, die lebendige Farbigkeit der Skulpturen am sogenannten Alexandersarkophag in Istanbul bearbeitet und hierfür zusammen mit seinem Frankfurter Kommilitonen Hans Christof Wolters neue Untersuchungsmethoden entwickelt.

Während ich selbst mich bemühte, die Möglichkeiten der sogenannten Multispektralfotografie zu optimieren, begann Ulrike Koch mit der Erforschung der antiken Malerei und zunächst mit der zeichnerischen Auswertung der Ergebnisse unserer neuen Untersuchungen. Beides wurde bereits ab 1982 mit namhaften Beträgen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Von der Untersuchung zur Rekonstruktion

Später, in den Jahren um 1985, wurden Stimmen von wissenschaftlichen Kollegen laut, man müsse die Fülle neuer Ergebnisse durch Rekonstruktionen an Abgüssen visualisieren, und dies sowohl für die Forschung als auch für die Vermittlung in die Öffentlichkeit.
1990, also vor 30 Jahren, gaben wir diesem Druck schließlich nach und starteten mit der Unterstützung der Kollegen an der Münchner Glyptothek eine erste Rekonstruktion. Dabei entstand die Farbrekonstruktion (Variante A) des Bogenschützen aus dem Westgiebel des Aphaiatempels auf der Basis eines Kunstmarmorabgusses. Dieses Projekt stellte Ulrike Koch und uns alle vor ungeahnte Herausforderungen, zumal wir uns fest vorgenommen hatten, allein mit den authentischen Malmaterialien der Natur zu arbeiten. Auch forderte die Wiederherstellung der komplexen Ornamente die Rekonstruktion der in der Antike angewandten mathematisch-geometrischen Konstruktionshilfen.
Doch das Ergebnis war erstaunlich und erschütterte das überkommene Antikenbild aller Beteiligten. Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung diese Rekonstruktion 2001 zum ersten Mal und zwar in Schwarz-Weiß (!) abbildete, empörten sich Leser über die starke Farbigkeit.

Die "Bunten Götter" global

Unser Team blickt zwischenzeitlich auf mehr als hundert Forschungskampagnen zurück, die uns zusammen mit unseren Analysegeräten in alle relevanten Sammlungen der Welt geführt haben. Auch blieb es natürlich nicht bei einer einzigen Rekonstruktion. Zusammen mit den acht neuen Rekonstruktionen, die – unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – speziell für die nun im Januar startende „GOLDEN EDITION“ angefertigt wurden, hat das Team um Ulrike Koch-Brinkmann etwa 60 Kopien von antiken Marmor- und Bronzeskulpturen farbig gefasst.
Diese Kopien sind aus unterschiedlichen Materialien gefertigt, so aus Gips, Kunstmarmor, Marmor, Polymethylmethacrylat, aber auch aus Bronze und Kupfer. Wenn es sich um die Kopie eines Originals aus Marmor handelte, wurde diese zunächst mit Marmorstuck überzogen, bevor die originalen Naturpigmente und Bindemittel zur Anwendung kamen.
Jedes einzelne Rekonstruktionsprojekt erwies sich als ein ganz wichtiger Abschnitt der Forschung selbst. Erst durch die – in gewisser Weise gnadenlose – Aufgabe, zu jedem Bereich der Oberfläche einer Skulptur eine Antwort zu formulieren, wird man gezwungen, einen vollständigen Fragekatalog an die erhaltenen Spuren des Originals und der verwandten Monumente heranzutragen.

Die Antike war bunt

Mit gelassener Miene könnten wir nun unseren Erfolg genießen – so waren ja zum Beispiel in San Francisco im Winter 2017/2018 an einzelnen Tagen bis zu 6.000 Besucher gekommen, um dort die „Bunten Götter“ zu sehen –, wären wir nicht einer (zuweilen unsachlichen) Kritik ausgesetzt. Selbstverständlich kann eine historische Forschung – wie auch die akademische Disziplin der Klassischen Archäologie, der wir angehören – in der Bemühung, vergangene Zeiten zu beleuchten, nur Annäherungen bzw. Modelle entwickeln. Wissenschaft ist daher immer aufgefordert, unterschiedliche Modelle zu formieren, um diese gegeneinander antreten zu lassen. Dies gilt natürlich auch für die Erforschung der Statuenpolychromie. Daher haben wir im Laufe der Jahrzehnte, auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse von Kollegen, alternative Modelle ausgearbeitet. In der Zukunft werden sich weitere Vorschläge von anderer Seite hinzugesellen. Jeder neue Ansatz wird uns – eben in dieser Form der diskursiven Auseinandersetzung – einen Schritt weiterbringen.

Es steht fest: Die antike Skulptur war bunt. Und das Team der Liebieghaus Skulpturensammlung hat unsere Vorstellung hiervon in großem Umfang präzisiert. Etwas anderes steht jedoch auch fest: Sowohl die Forschung als auch die Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts und der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wussten bereits, dass die Antike bunt war. Erst durch die Welle einer neuen Ästhetik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (nicht die des Bauhauses, wohlgemerkt) ist die Anschauung der Polychromie verdrängt worden und erst durch den Frankfurter Studenten Volkmar von Graeve und seine späteren Schüler wiederbelebt worden.

Autor:

Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann

Leiter der Abteilungen Antike und Asien

Verwandte Artikel